10 populäre Denkfehler
und Irrtümer zur Euro-Schuldenkrise:
Denkfehler Nr. 1: Märkte
sollen Staaten zähmen: Private Banken und Anleger sollen durch ihre Käufe und Verkäufe
von Anleihen deren Zinsniveau und damit die Staatsverschuldung steuern.
Märkte
funktionieren zu Auswahl von Unternehmen, wo nur die besten überleben sollen –
nicht bei Staaten (wo es jeweils nur einen gibt).
Staatsschulden
müssen 100% sicher sein – sonst werden sie nicht gekauft – oder nur zu deutlich
höheren Zinsen. Ohne Garantie der Zentralbank stellen steigende Zinsen aber
eine sich selbst erfüllende Prophezeiung dar: die Zinslast wird höher und das
Defizit und das Pleiterisiko des Staates steigen – und die Zinsen steigen noch
weiter…der Teufelskreis endet im Staatsbankrott. Beschleunigt wird der, da die
Banken durch die Kursverluste der Staatsanleihen hohe Verluste verdauen müssen
und daran letztlich zugrunde gehen.
Denkfehler Nr. 2:
Staatsschulden sind überflüssig und schlecht
Den
Staatsschulden stehen immer die gleich hohen Bestände an ausgegebenen
Staatsanleihen gegenüber. Staatsanleihen im eigenen Land sind wichtiges
Finanzvermögen der Banken, Versicherungen und Privaten. Sie stellen den größten
Teil der Alterssicherung der Bevölkerung dar. Dieses Vermögen im Volk ist genau
so hoch wie die Staatsschulden. Staatsschulden sind damit eine wichtige Quelle
von verbrieftem Finanzvermögen - bedrucktes, wertvolles Papier! Eine Erhöhung der Staatsschulden gibt einen
positiven konjunkturellen Impuls, da das Vermögen im Volk zunimmt. Eine
Reduzierung der Staatsschulden – z.B. über Steuern - verringert das
Finanzvermögen im Privatsektor.
Denkfehler Nr. 3: Ein
Schuldenschnitt oder eine „geordnete“ Insolvenz hilft dem betreffenden Land.
Zwar
hat der Staat dann weniger Schulden – aber das entsprechende Wertpapiervermögen
bei Banken, Versicherungen und Privaten wird dabei vernichtet. In Argentinien
fiel mehr als die Hälfte der Bevölkerung bei dem Schuldenschnitt unter die
Armutsgrenze! Die durch einen Schuldenschnitt verursachte Pleitewelle bremst
die Wirtschaft massiv und die Steuerausfälle können dann weit höher sein als
die Entlastung des Schuldenschnitts. (Geholfen hat in Argentinien vor allem die
Abwertung der Währung.)
Denkfehler Nr. 4: Ein
Schuldendeckel ist wirksam.
Ein
Schuldendeckel engt den finanzpolitischen Spielraum zur Konjunktursteuerung so
stark ein, dass er ein Land in eine tiefe Rezession drücken kann. Steuerausfälle
und eskalierende Sozialleistungen führen dann zu immer höheren Defiziten, die
den Schuldendeckel sprengen – auch (oder gerade) wenn das Land noch so spart.
Denkfehler Nr. 5: Länder
sind selber schuld an ihren Defiziten.
Das
ist nur zum Teil richtig. In einer Währungsunion ist die Konkurrenz der
Unternehmen der verschiedenen Länder sehr hart, da es keinen Wechselkurspuffer
mehr gibt. Dabei gibt es wie beim Fußball immer Verlierer. Bei dem gehen die
Steuereinnahmen rapide zurück und die Defizite der Verlierer-Länder steigen.
Denkfehler Nr. 6: Es
gibt keine einfache Lösung des Schuldenproblems.
Eine
100%ge Garantie aller Euro-Staatsschulden durch die EZB würde das
Schuldenproblem sofort lösen. Die Staatsschulden wären dann 100% sicher und ein
attraktives Wertaufbewahrungsmittel für alle Anleger. Die Zinsen für alle
Länder wären niedrig, die Anleihen aller Länder hätten Top-Qualität und wären
begehrt und teuer. Die EZB bräuchte mit dieser Garantie höchstens sporadisch
zur Kurspflege eingreifen. Das einzige Problem der EZB-Garantie besteht im
gegenseitigen Misstrauen der Länder. (Unbegründetes?) Misstrauen, Neid und
Missgunst sind die tiefsten Ursachen der Schuldenkrise.
Denkfehler Nr. 7:
Staatsanleihekäufe der EZB führen zu Inflation.
Das
gilt nur, wenn bei einer zu hohen Nachfrage die Güter knapp werden – davon ist
Europa weit entfernt – im Gegenteil, die hohe Arbeitslosigkeit deutet auf
Überkapazitäten hin. Hohe Inflationsraten gab es vor allem, nachdem in Kriegen
die Produktionsanlagen zerstört wurden.
Denkfehler Nr. 8: Ein gemeinsames Europa hat nur mit der
Währungsunion eine Zukunft.
Europa
ist in 50 Jahren zusammengewachsen - ohne Währungsunion mit einem genialen
Wechselkursmechanismus, der den Wettbewerb milderte.
In
der Währungsunion treffen beim Schulden machen unterschiedliche politische
Vorstellungen direkt aufeinander. Unterschwellig beherrschen jetzt Schuld,
Angst und Neid die Diskussion. Europa droht sich in einer notwendigen
„gemeinsamen“ Finanzpolitik zu zerstreiten: Die Entscheidungen wofür, wie viele
zusätzliche, gemeinsame Schulden ausgegeben werden und welches Land diese
erhalten soll, kann die Länder gegeneinander aufbringen.
Denkfehler Nr. 9: Ein
Austritt aus der Währungsunion ist wegen der Abwertung und der dann in
Landeswährung eskalierenden Euroschulden nicht möglich.
Ein
Austritt ist über eine Parallelwährung (z. B. Neue Drachme) möglich. Der
Wechselkurs dieser Währung wird einige Zeit gegenüber dem Euro stabil gehalten
(feste Wechselkurse und begrenzte Umtauschmengen). Es werden dabei von der
eigenen Zentralbank garantierte und höher verzinste Neue Drachme-Anleihen
begeben. Das Land ist dann nicht mehr Pleite-gefährdet, da es Neue Drachmen
drucken darf. Die EZB kauft auch Neue Drachmen-Anleihen, damit die alten
Euroanleihen Griechenlands getilgt werden können. Wenn die neue Drachme
abgewertet wird, bekommt Griechenland Wettbewerbsvorteile und nur die EZB
erleidet Kursverluste ihrer Drachmenanleihen. Das ist die schmerzloseste
Variante eines Austritts.
Denkfehler Nr. 10: Ein
Rettungsfonds kann sich am Markt genug Geld zur Stützung der Euroanleihen
beschaffen.
Die Bonität des Rettungsfonds hängt von der
Bonität der Mitglieder ab. Durch die Haftung für fremde Schulden verringert
sich dabei auch die Bonität Deutschlands. Dadurch sinkt wiederum die Bonität
des Rettungsfonds, der dann auch höhere Zinsen bezahlen muss. Die steigenden
Zinsen verschlechtern die Schuldenlage aller Länder und schließlich bekommt der
Rettungsschirm am Markt gar kein Geld mehr (nur noch von der Zentralbank).
EvoPro
Financial Research GmbH
Dezember
2011